Wenn die Berge den Alltag leiser machen: Quietcation in Südtirol
Manchmal beginnt Erholung mit einer erstaunlich einfachen Entscheidung: nichts zu tun. Kein Ausflugsprogramm, keine Liste mit Sehenswürdigkeiten, die abgearbeitet werden muss, keine ständige Suche nach dem nächsten Erlebnis. Stattdessen ein Weg durch den Wald, eine Bank mit Blick auf die Berge und vielleicht ein Handy, das für ein paar Stunden ausgeschaltet bleibt.
Genau darum geht es bei der Quietcation. Der neue Reisetrend folgt der Sehnsucht nach Ruhe, Entschleunigung und mentaler Erholung. Nicht Wellness im klassischen Sinn steht im Mittelpunkt, sondern das bewusste Herausnehmen aus dem permanenten Lärm des Alltags.
Südtirol scheint für diese Form des Reisens geradezu gemacht. Zwischen Dolomiten und Ortler, zwischen Weinbergen und hochalpinen Tälern gibt es zahlreiche Orte, an denen die Landschaft den Rhythmus vorgibt. Stille Seitentäler, autofreie Höhenplateaus, alte Bauernhöfe und weitläufige Wälder laden dazu ein, langsamer zu werden.
Ultental, Ahrntal und Co.: Wo die Natur den Takt vorgibt
Wer Ruhe sucht, wird in Südtirol schnell fündig. Besonders die ursprünglicheren Täler bieten jene Mischung aus Natur und Abgeschiedenheit, die eine Quietcation ausmacht. Das Ultental ist ein besonders schönes Beispiel dafür. Alte Bauernhöfe, Almen, Bergseen und jahrhundertealte Lärchen prägen die Landschaft. Die berühmten Ultner Urlärchen bei St. Gertraud werden auf mehr als 2.000 Jahre geschätzt. Die knorrigen Baumriesen stehen dort wie stille Zeitzeugen und strahlen genau jene Ruhe aus, die man auf einer Auszeit in den Bergen sucht.
Auch das Ahrntal zählt zu den ursprünglichsten Tälern Südtirols. Über 80 Dreitausender, klare Bergluft und weitgehend unberührte Landschaften machen es zu einem geeigneten Rückzugsort für alle, die Abstand vom hektischen Alltag gewinnen möchten. Noch weiter weg vom Trubel liegen das Martelltal, das Pflerschtal oder die Täler rund um Ratschings, Jaufental und Ridnaun. Hier führen Wege durch Wälder und über Almen, während Bäche und Wasserfälle die natürliche Geräuschkulisse liefern. Im Pflerschtal etwa trifft man auf eine besonders ursprüngliche Landschaft mit dichten Wäldern, Wasserfällen und stillen Wegen.
Und manchmal reicht es bereits, die Perspektive zu verändern. Auf dem Ritten etwa geht es mit öffentlichen Verkehrsmitteln und teilweise autofrei hinauf auf ein sonniges Hochplateau. Wälder, Wiesen und der Blick auf die Dolomiten machen den Ritten zu einem Ort, an dem sich Sommerfrische und moderne Entschleunigung beinahe selbstverständlich verbinden.
Waldbaden: Zwischen Fichten, Föhren und Tannen
Wer wirklich abschalten möchte, findet im Wald einen besonders einfachen Zugang zur Ruhe. Beim Waldbaden geht es nicht darum, möglichst viele Kilometer zurückzulegen. Im Gegenteil: Das Tempo wird bewusst reduziert.
Die aus Japan bekannte Praxis des Shinrin Yoku bedeutet, in die Atmosphäre des Waldes einzutauchen. Man hört das Rascheln der Blätter, nimmt den Duft von Holz und Moos wahr, beobachtet das Spiel des Lichts und spürt den Boden unter den Füßen. In Südtirol werden entsprechende Angebote auch von Waldexpertinnen und Waldexperten begleitet.
Besonders schön lässt sich dieses Prinzip im Ahrntal erleben. Hier verbindet das Projekt „Aria Pura“ bewusste Atemübungen, Waldaufenthalte und Kraftplätze mit der alpinen Landschaft. Die Idee dahinter ist denkbar einfach: ankommen, durchatmen und die Umgebung wieder mit allen Sinnen wahrnehmen. Der Wald wird dabei zum Gegenentwurf zur digitalen Welt. Keine Push-Nachricht kann mit dem Rauschen der Baumkronen konkurrieren. Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Kraftorte: Wo Landschaften zum Innehalten einladen
Südtirol hat auch eine lange Tradition besonderer Plätze, die mit Geschichten, Spiritualität und Natur verbunden sind. Die offiziellen Tourismusangebote führen zahlreiche Kraftplätze, an denen Menschen bewusst innehalten und neue Energie schöpfen können. Dazu gehören stille Waldplätze ebenso wie Aussichtspunkte, Kirchen, Klöster und besondere Naturdenkmäler.
Zu diesen Orten zählen etwa die Ultner Urlärchen, die Wallfahrtskirche Heilig Geist im Ahrntal, das Kloster Säben, die Stoanernen Mandln auf dem Tschögglberg oder die Rastenbachklamm bei Kaltern. Auch der St. Hippolyt bei Naraun und die historischen Dreikirchen bei Barbian gehören zu den Orten, die sich für eine bewusstere Form des Reisens anbieten.
Es sind keine Plätze, die man unbedingt „besichtigen“ muss. Viel spannender ist es, dort einfach eine Weile zu bleiben. Vielleicht auf einem Stein zu sitzen, den Blick schweifen zu lassen oder vielleicht auch gar nichts zu tun.
Sommerfrische 2.0: Die Kunst, weniger zu planen
Quietcation ist dabei keineswegs eine völlig neue Erfindung. Südtirol knüpft vielmehr an eine alte Tradition an: die Sommerfrische. Bereits im 19. Jahrhundert zog es Menschen aus den Städten in die Berge – auf der Suche nach sauberer Luft, angenehmen Temperaturen, Ruhe und Natur.
Heute bekommt diese Idee einen neuen Namen. Statt langer Sommeraufenthalte geht es um bewusste Auszeiten, um Digital Detox und um die Frage, wie wenig Programm ein Urlaub eigentlich braucht. Besonders deutlich wird das auf dem Tschögglberg. Zwischen Wäldern, Almwiesen und weiten Ausblicken lässt sich der Tag wunderbar ohne enges Zeitkorsett verbringen.
Auch die Seen Südtirols können zu solchen kleinen Fluchten werden. Der Toblacher See, der Antholzer See oder der Völser Weiher laden zu Spaziergängen und stillen Momenten ein. Wer lieber dem Wasser lauscht, findet an den Reinbach-Wasserfällen, den Barbianer Wasserfällen oder am Partschinser Wasserfall eine ganz eigene Form von Naturkulisse.





Wie gefällt Ihnen der Inhalt dieser Seite?

merken






